Erfolgreiche Vereinbarkeit: Selbständig als Paar mit zwei Unternehmen und vier Kindern

Mit Dr. Christian Roos haben wir uns darüber unterhalten, wie er und seine Frau Tanja, Beruf und Care Arbeit vereinbaren und gleichberechtigt leben. Sie haben vier gemeinsame Söhne und betreiben selbstständig zwei erfolgreiche Unternehmen.

Wie ihnen die Vereinbarkeit gelingt und welche Hürden sie auf ihrem Weg nehmen mussten, erzählt Christian offen und ehrlich im neuen Vereinbarkeits-Interview.

Lieber Christian, schön dass du unser Gast bist.

Christian: Ganz herzlichen Dank, dass ich dabei sein darf. Und ein großes Danke an meine Frau, die gerade mit unseren zwei jüngsten Söhnen unterwegs ist. Ohne ihren Einsatz, wäre das Interview nicht möglich gewesen.

Wir sprechen hier über Vereinbarkeit und gleichberechtigte Partnerschaft. Für mich beinhaltet das, Wertschätzung dafür zu haben, dass wir uns gegenseitig unterstützen und uns somit Dinge ermöglichen.

Marielle: Sehr schöne Worte direkt zu Beginn.

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Gleichberechtigung im vierköpfigen Familienalltag

Stell dich und deine Frau gerne mal vor. Wer seid ihr und was macht ihr?

Christian: Super gerne. Meine Frau Tanja und ich arbeiten als Paar als Beziehungs- Coaches und sind somit auf einer ähnlichen Mission wie ihr. Wir haben ein gemeinsames Unternehmen, mit dem Namen Das- neue- Wir.

Das ist unsere zweite Firma. Unser erstes Unternehmen heißt Nektar und Puls. Tanja und ich arbeiten seit ca. acht Jahren zusammen und haben somit schon einige Erfahrungen in Sachen Vereinbarkeit gesammelt. Wir haben vier gemeinsame Söhne, arbeiten selbstständig zusammen und leben eine gleichberechtigte Beziehung.

Ich werde oft gefragt, wie wir das mit unseren vier Jungs schaffen. Wir denken, ob es das erste Kind ist oder das Vierte, man gibt immer hundert Prozent.  Jedes Kind übersteigt deine Grenzen und mit jedem Kind musst du dich erweitern. Insofern hat jedes unserer vier Kinder unserer Welt erweitert. Du kommst also beim ersten Kind an deine Grenzen und beim Vierten ist das auch so.

Meine Frau und ich sind seit 10 Jahren verheiratet und unser größtes Ziel ist es, das Leben gemeinsam auszukosten.

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass nur einer bei den Kindern bleibt, während der andere arbeitet und man somit immer einen Teil verpasst. Aus diesem Grund haben wir uns auf die Suche begeben, wie man das so kombinieren kann, sodass sich beide selbst verwirklichen können. Dass Beide Zeit mit der Familie verbringen und sich beruflich weiterentwickeln können. Das war nicht immer ganz einfach.

Habt ihr erst Kinder bekommen oder erst angefangen gemeinsam zu arbeiten?

Christian: Wir haben erst Kinder bekommen. Ich war bei einem Konzern angestellt und einem habe noch meinen Doktortitel im Bereich Maschinenbau gemacht. Tanja hatte schon ihre Firma gegründet.

Als wir uns kennengelernt haben und ich mich verliebt habe, habe ich mich gefragt, in was genau habe ich mich verliebt? Ich fand bei Tanja großartig, dass sie Unternehmerin mit Leib und Seele ist. Alles, was sie macht, macht sie aus dem Unternehmer Geist. Sie sieht auch das Leben als Unternehmen, was ist der Profit, den du kriegst? Nämlich Genuss und Intensität und die Frage ist, was bist du bereit, dafür zu geben? Das fand ich superattraktiv. Ich fand es immer erstrebenswert, selbstständig zu sein, ein Unternehmen zu haben und einen Beitrag zu leisten.

Ohne Tanja, hätte ich diesen Schritt nie gewagt, weil es Mut erfordert. Wenn du angestellt bist, hast du eine Sicherheit, da du jeden Monat dein Gehalt bekommst. Allerdings hast du auch jemanden, der dir Visionen und Ziele vorgibt, an denen man sich orientieren kann.

Das war für mich zu der Zeit wichtiger und ein Grund, warum ich mich für Tanja als Partnerin entschieden habe, weil sie dem Leben sehr unerschrocken entgegentritt. Sie hat ihre Eltern früh verloren, was vielleicht auch zu ihrer Haltung beigetragen hat.

Dann haben wir unser erstes Kind bekommen. In dieser Zeit haben wir uns erstmal aufgeteilt. Ich habe für vier Monate Elternzeit genommen und Tanja war die erste Zeit mit dem Baby zu Hause. Mit jedem Kind hat sich das mehr verschoben.

Bist du mit jedem Kind mehr zu Hause geblieben?

Christian: Ja richtig. Bei unserem zweiten Kind haben wir uns entschieden es anders zu machen. Sonst hätten wir weder meiner Karriere noch Tanjas Unternehmen gerecht werden können.

Also haben wir uns entschieden, dass ich meine Festanstellung kündige. Ich habe meinen Doktortitel und meine Projekte abgeschlossen und wusste, ich will nicht im Angestellten Dasein in einem Konzern alt werden. Mir war klar, dass ich Freiheit und anderes gewinnen kann, wenn ich bereit bin die Risiken einzugehen.

Das war dann der Punkt, an dem ich in Tanjas Unternehmen eingestiegen bin. Ich habe für ein Jahr Elternzeit genommen und das Jahr für diese Transformation genutzt.

Unsere erste Firma ist im Bereich Travel-, Lifestyle-, Content creation- und Marketingagentur.

Sprich ich bin zum Fotografen und Buchautor geworden. Wir haben eine Buchreihe für die SZ geschrieben.

Fotografie war immer ein Hobby, aber wir haben das eine Jahr genutzt, um eine Transformation zu machen. Und die haben wir auch geschafft. Insofern hat sich das berufliche Leben mit dem zweiten Kind fundamental geändert.

Du hast in der Vorstellung zwei bemerkenswerte Sachen gesagt, lass sie uns etwas herausstellen, damit sie nicht untergehen.

Mike: Zum einen hast du gesagt, mit jedem Kind muss man den Horizont erweitern. Das ist konträr zum Mindset, dass auch vorhanden ist, nämlich dass das zweite und dritte Kind dann automatisch mitläuft.

Wir hören das immer wieder, dabei ist das gar nicht der Fall. Sondern, jedes weitere Familienmitglied bedeutet eine Umstellung. Eine Neuausrichtung des Familiensystems. Es ist sehr wertvoll, dass mal auszusprechen.

Christian: Ja super Punkt ja stimmt.

Mike: Und die zweite Sache, die ich super finde, ist wie aktiv du die Entscheidung getroffen hast, mit Tanja zusammen zu sein. Wie klar und aktiv du das Ganze benennen kannst, dass es kein Zufall war.

Bestimmt spielt ins Kennenlernen der Zufall mit rein, aber auch die Gründe zu benennen, warum ich mit dieser Person mein Leben gestalten möchte. Eine aktivere Rolle einzunehmen und das zu formulieren. Ist das nicht bemerkenswert?

Christian: Wir haben uns in diesen 10 Jahren auch einfach irre viel gestritten. Um das jetzt so sagen zu können, hat es viele Stunden Streit und hunderte Stunden Coachings gebraucht.

Wir haben beide eine langjährige Coaching Ausbildung gemacht und das dauert, bis man sich selbst so versteht.

Als Beispiel, mit dem Unternehmer Geist kommt auch eine gewisse Kreativität und Spontanität dazu. All das, was ich in meinem Ingenieurs Dasein damals als super anstrengend empfunden hab, also zu investieren und nicht zu wissen, was da rauskommt. Das ist für jemanden, der eigentlich Sicherheit als wichtigsten Wert hat, unangenehm.

Also waren erstmal zwei Werte Systeme, die erstmal komplett unterschiedlich waren. Dann stellst du dir manchmal die Frage, warum muss ich jetzt eine haben, die so spontan und risikofreudig, so chaotisch und kreativ ist? Da waren ganz viele Vorwürfe auf beiden Seiten.

Bis man irgendwann dahin kommt, die Andersartigkeit des anderen wirklich als Bereicherung zu sehen. Das hat ein paar Coaching Gespräche gedauert.

Mike: Zu diesem Punkt kann Marielle auch nochmal ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern, ich würde sagen, mir ging das sehr ähnlich.

Marielle: Ja, bei uns bin ich die Sicherheitsbedürftige und inzwischen diejenige, die auch das Unternehmen liebt und voran pusht. Aber hätte man mir vor sechs Jahren gesagt, ihr gründet ein Unternehmen, dann hätte ich gesagt, das kann Mike ja machen, aber ich doch nicht.

Christian: Das ist so cool, wenn man es schafft, diese beiden Teile zu integrieren, dann hat man nochmal etwas viel Größeres, das viel erfolgreicher sein kann.

Besonders auch beim Thema Umgang mit Geld. Wenn du einen Teil hast, der gerne investiert und ein anderer Teil, der gerne analytisch arbeitet, dann hast du beide Seiten, die du für Erfolg brauchst. Risikobereitschaft, aber auch den Sicherheitsaspekt.

Wie macht ihr das im Alltag mit vier Kindern?

Christian: Wir vergleichen uns mit einem Piratenschiff. Tagsüber wissen wir nicht, wo wir abends vor Anker liegen. Über die Jahre haben wir ein System entwickelt, dass hervorragend funktioniert. Aber es war ein Prozess, bis wir die Bedingungen fürs Zusammenleben vereinbart hatten.

Mit jedem Kind verändern sie sich auch. Momentan ist es bei uns so, ich stehe morgens auf und mache die Frühschicht. Ich stehe also um 7 Uhr mit den mit den drei Jungs auf. Jonathan, der Älteste, geht in die Schule. Die anderen beiden in den Kindergarten. Dann holen wir das Baby bei Tanja, meistens schläft es noch um 7 Uhr. Das ist immer ein totales Highlight, wir legen ihn in der Wohnküche auf den Boden und dann ist er Center of Interest. Seine Brüder lieben ihn abgöttisch.

Jeder spielt und kuschelt mit ihm oder erzählt ihm, was er heute so macht. Dann haben wir eine gute Stunde, bis Jonathan selber zur Schule geht. Er geht in die zweite Klasse und die Schule ist hundert Meter entfernt, da geht er allein hin.

Dann mache ich die beiden anderen fertig. Ich schnall mit den Kleinsten um und dann bringen wir gemeinsam die Mittleren in den Kindergarten. Falls unser Jüngster dann müde ist, darf er noch ein paar Stunden Schlaf nachholen.

Danach setzte ich mich an den Schreibtisch beziehungsweise in meine Praxis. Ich hole die Kids auch meistens wieder ab und je nachdem wer gerade im Business mehr gebraucht wird, macht einer von uns beiden das Baby.

Wir haben keine Nannys, worüber wir manchmal uns ärgern, weil wir denken, wir sind einfach schon sehr überlastet bei dem, was wir uns vorgenommen haben. Andererseits jetzt haben wir schon vier Kinder und die Zeit, in der die Kinder so klein sind, ist recht kurz.

Manchmal will ich es nicht zugeben, dass es so anstrengend ist. Ich genieße es einfach viel Zeit mit ihnen zu verbringen und gerade diese Zeiten, die auch so krass anstrengend sind, sind auch die Zeiten, in denen du eine Verbindung aufbaust.

Mit einem schreienden Kind klarzukommen und zum Schluss festzustellen, du hast die Situation gemeistert, da entsteht für mich Bindung. Das sind normale Alltagssituationen.

Die gemeinsame Zeit wertschätzen

Es passiert oft nicht beim tollen Wochenendausflug, sondern wenn du dein Kind nachts in der Trage spazierst.

Christian: Ja, es sind tatsächlich die Sachen, an die man sich dann erinnert und die für Bindung sorgen, wenn man das kleine Bündel so vor sich her trägt.

Ihr habt vier Kinder, wart als Reiseblogger unterwegs, hattet ein Unternehmen und dann habt ihr euch gedacht, jetzt machen wir noch Paar- Coaching. Wie kam es dazu?

Christian: Wir haben Beziehungscoachings von Day One, unserer Partnerschaft, in Anspruch genommen. Meine Frau und ich sind beide durchsetzungsstarke Persönlichkeiten. In Diskussionen war sie mir argumentativ immer überlegen. Ich dachte, Wahnsinn, was sind das für Argumente und so wo kommt das her?

Sie hatte damals ein Coaching gemacht. Das wollte ich auch machen und sie hat es mir dann empfohlen.  Also habe ich das gemacht und schnell gemerkt, man kann die Welt auch anders sehen. Einen Standpunkt einzunehmen von, ich bin verantwortlich für die Ergebnisse in meinem Leben. Das ist ein radikaler Standpunkt, der aber viele Möglichkeiten eröffnet.

Wir mussten nur einen Weg finden, wie wir unsere Konflikte lösen konnten und das war unsere Lösung. Als wir zwei Jahre zusammen waren, haben wir gemeinsam eine dreijährige Coachingausbildung gemacht. Es hat uns wahnsinnig viel Spaß gemacht, aber es war noch nicht der richtige Zeitpunkt, das hauptberuflich zu machen.

Wir haben zehn Bücher geschrieben, für die Süddeutsche Zeitung. Für Süd- Schweden, Island und die Toskana und wir hatten immer die Kids mit dabei.

Das war einfach ein Traumberuf dafür. Wir haben eher den Beruf dem Familiensystem angepasst als andersrum. Wie kann man unser Unternehmen so anpassen, dass es für die Familie funktioniert? Und nicht andersrum.

Das ist ein sehr wertvoller Gedanke.

Christian: Das ist aber nur möglich, wenn du selbständig bist. Ich hatte das letzte halbe Jahr mit 20 Stunden Teilzeit gearbeitet. Und als ich gekündigt habe, hatte ich trotzdem 200 Minus Stunden. Es war gar nicht mehr möglich zu kombinieren.

Deshalb war dann der konsequente Schritt die Selbständigkeit. Da haben wir Nektar und Puls gemacht, was für die Jahre perfekt gepasst hat.

Dann haben wir sieben Monate lang eine Weltreise gemacht. Und dabei viele Erinnerungen geschaffen, da kann man so lange von zehren.

Natürlich ist das auch ein monetäres Investment, diese sieben Monate nicht zu arbeiten, sich das Fliegen und weiteres leisten zu können. Aber wir zehren heute noch davon. Tanja hat als Bildschirmschoner Fotos von der Weltreise und manchmal stehen die Jungs davor und schauen sich die Fotos an. Das hat uns als Familie so krass zusammengebracht.

Zum Thema Investment, das hat Geld gekostet und man hat auf Einkommen verzichtet. Aber ich würde sagen, das war es immer wert. Wenn du dir vor Augen führst, dass das Leben endlich ist.

In diesem Sinne bin ich Tanja dankbar, dass sie die Erfahrung mitbringt, dass ihre Eltern so früh gestorben sind. Ihre Mutter ist an Leukämie gestorben, da war Tanja 17. Ihr Vater hat sich sieben Jahre später das Leben genommen.

So traumatisch und schlimm diese Ereignisse waren, profitieren wir in einer gewissen Hinsicht davon, weil du die Kostbarkeit des Lebens letztlich erst verstehst, wenn du mit dem Tod konfrontiert wirst. Wir investieren mit der Weltreise und dem Geld in die Familie und priorisieren somit die Familie.

Marielle: Das kann ich unterschreiben, mein Vater ist leider gestorben, als ich 16 war und ich habe immer im Kopf, dass er gesagt hat, das mach ich, wenn ich in Rente bin.

Das ist für mich auch ein Antrieb, Erlebnisse nicht aufzuschieben. Natürlich muss nicht immer alles heute, jetzt und sofort sein. Es geht auch nicht immer, aber mein Ziel ist schon, Dinge frühzeitiger zu machen, wenn ich sie wirklich haben möchte.

Christian: Wie alt war dein Papa als er gestorben ist?

Marielle: Er war 44 Jahre alt.

Christian: Bei Tanja war es ähnlich. Ich bin jetzt 37, das ist gar nicht mehr so weit entfernt. Das Leben so unternehmerisch zu leben, nimmt einem ein bisschen die Angst vor dem Tod. Ich denke eher, wow, dass ich das alles schon erleben durfte. Viele bereuen, nicht genug Zeit mit den Menschen verbracht zu haben, die sie lieben. Diese Vorwürfe kommen dann nicht auf.

Welchen Stellenwert hat für euch die Beziehungspflege?

Es ist eine Herausforderung, weil unsere Gesellschaft Erwerbstätigkeit und beruflichen Erfolg mehr wertschätzt als Care Arbeit. Und es ist schwer, sich davon abzugrenzen. Ich bin froh, dass wir jetzt in Berlin wohnen, nicht mehr in München. Hier geht es leichter. Auch wenn Berlin doch auch immer teurer wird. Gut, dass unser Mietvertrag jetzt schon fünf Jahre alt ist. Da profitieren wir von.

Wir haben vier Kinder und uns fällt das auch bei uns oft auf, dass wir die Care Arbeit weniger wertschätzen als die Erwerbstätigkeit. Was absurd ist. Wir sind Beziehungswesen, unsere Kernfähigkeiten sind Empathie, Lern- und Kooperationsfähigkeit. Und dennoch schätzen wir das Einkommen mehr wert als die Care Arbeit.

Ich denke, dass ist der Kern, um eine nachhaltigere Zukunft zu gestalten. Wir müssen das Thema Beziehung mehr priorisieren. Und dementsprechend die Pflegekräfte und Erzieher*innen mehr wertschätzen. Alles, was mit Care Arbeit zu tun hat. Sowohl gesellschaftlich, als auch privat, wenn man über Vereinbarkeit reden möchte.

Meine Erfahrung als Beziehungs- Coach ist, dass einer der größten Breaks in der Partnerschaft ist, wenn Kinder dazu kommen. Das erste Kind kommt und jeder geht in seine oder ihre Rolle, mit der man nicht hundert Prozent zufrieden ist.

Im klassischen Modell geht die Person, die mehr verdient arbeiten und die andere Person bleibt zu Hause. Dann wars das mit der Gleichberechtigung. Das hat wenig von selbstgewählt und selbstbestimmt. Sondern fühlt sich ungerecht und gezwungen an.

Hast du dafür ein Beispiel?

Ein Ehepaar, sie sind  seit 20 Jahren verheiratet. Beide sitzen vorm Fernseher und sie sagt plötzlich, „so geht es nicht weiter, ich will die Scheidung.“ Und er dachte, was ist denn jetzt verkehrt?

Der Kern von dem Konflikt war, als sie das erste Kind bekommen haben. Und sie sich nicht wertgeschätzt gefühlt hat. Woraufhin er sich nicht wertgeschätzt gefühlt hat. Daraufhin hat sie sich wieder nicht wertgeschätzt gefühlt. Und so weiter.

Das ist immer wieder Thema, wenn wir unser Elternzeit Mentoring machen, warum wir sagen, ihr braucht eine gleichberechtigte Elternschaft.

Ihr müsst das Elternzeit Modell finden, das zu euch passt und womit ihr beide happy seid. Weil das jahrzehntelange Auswirkungen haben wird. Nicht nur finanziell, sondern vor allem auf die Beziehungen zwischen den Eltern, aber auch zu den Kindern.

Christian: Total und das ist auch keine leichte Entscheidung. Du musst dich dann auch entscheiden zwischen, was ist wichtiger? Die Beziehung für das erste Jahr (was auch anstrengend ist) oder ein monetärer Outcome. Natürlich muss man auch verzichten. Beides gleichzeitig hinzubekommen, wenn die Kinder noch klein sind, ist schwierig machbar.

Gleichberechtigtes Finanzmanagement

Wie macht ihr das mit dem Geld? Gibt es bei euch einen Finanzminister*in oder kümmert ihr euch beide ums Geld?

Christian: Wir kümmern uns beide ums Geld. Tanja ist zum Beispiel besser was langfristiges Investment angeht. Da bin ich viel volatiler, also ich muss viel schneller aussteigen, viel schneller kaufen. Ich bin gut darin zu controllen.

Beispielsweise haben wir eine gemeinsam festgelegte Summe x, die wir monatlich von einem Geschäftskonto auf unser Privatkonto überweisen, von der wir dann alles zahlen. Und wenn wir mehr brauchen, haben wir zumindest gleich einen Überblick.

Inzwischen haben wir ein gut funktionierendes System, bei dem man immer weiß, was man monatlich ausgibt und das man limitieren kann. Und man kann aktiv entscheiden, will man mehr oder weniger ausgeben.

Wir bringen beide unterschiedliche Qualitäten rein. Und dennoch gibt es immer mal Diskussionen über bspw. Investments. Auch wenn es in dem Moment erstmal ein Konflikt ist, kommen wir so zur besten Lösung, weil wir beide Seiten exploriert haben.

Habt ihr nur noch gemeinsames Geld oder hat auch jede*r Eigenes?

Christian: Ich empfehle, dass die Person, welche die Care Arbeit zu Hause macht, Elterngeld bekommt. Ist der oder die andere erwerbstätig, sollte das Einkommen 50/50 aufgeteilt werden. Die Person die zu Hause bleibt sollte vielleicht sogar 70% bekommen, wenn die Rentenansprüche entsprechend nicht ausgeglichen werden. Warum sollte einer von beiden mehr Gehalt bekommen und der andere soll sich mit einem kleineren Elterngeld zufriedengeben?

Es ist wichtig, sich als Paar oder als Team zu verstehen. Wir haben sehr früh unsere Konten zusammengelegt. Das erste was wir uns gemeinsam, nach einem halben Jahr Beziehung, gekauft hatten, war ein Auto. Dann haben wir recht schnell unsere Konten zusammengelegt, was zu krassen Streitereien geführt hat. Ich habe Tanja vorgeworfen, sie sei eine Verschwenderin. Und sie hat mir vorgeworfen, ich sei ein Geizhals.

In Coaching Gesprächen empfehle ich immer 3 Konten zu machen, eins für sie, eins für ihn, ein gemeinsames, von dem bestimmte Sachen bezahlt werden. Ein geiles System. Wir haben unseren Lösungsweg ausprobiert. Dazu gehört auch Streit, ich halte das für positiv, wenn du am Ende was über dich lernst. Warum bin ich geizig? Wieso habe ich Angst Geld zu verlieren? Warum ist mir Sicherheit wichtig?

Für euch war die Selbstständigkeit der Schlüssel, um die Vereinbarkeit gut hinzukriegen. Gab es noch anderen Dinge oder Tricks, die euch die Vereinbarkeit vereinfacht hat?

Christian: Ich finde, Tanja ist eine so großartige Frau, weil sie von Anfang an wusste, was sie will. Sie hat mir von Anfang an klargemacht, dass wenn wir Kinder kriegen, sie nicht zu Hause bleibt und die Unternehmen aufgibt, um Mutter zu sein.

Und ich wusste, dass ich keine Chance habe, eine Art 100 zu 0 Modell zu fahren. Nicht, dass ich das gewollt hätte, aber sie ist immer für ihre Wünsche eingetreten.

Das ist meine Empfehlung für alle Frauen oder für alle Paare, die jetzt zuhören, besonders die Frauen, sich nicht klein zu machen, sondern für ihre Rechte einzutreten. Für Gleichberechtigung und Selbstverwirklichung einzutreten.

Es ist nicht selbstverständlich, dass die Frau zu Hause bleibt und der Mann arbeiten geht. Das muss gewählt sein.

Es ist nicht immer einfach die Bedürfnisse kennenzulernen und rauszufinden, was will ich eigentlich?

Christian:  Wenn du das erste Kind kriegst, bist du erstmal komplett geschockt, wie viel Arbeit das wirklich ist. Was man besonders in den ersten Monaten leisten muss. Und dann auch den Mut zu haben als Frau, die in den meisten Fällen zu Hause bleibt, zu sagen, das Modell, dass wir uns damals überlegt und für das wir uns entschieden haben, das passt für mich gar nicht. Wir müssen eine neue Lösung finden und wirklich auch bereit sein, dafür zu streiten und in den Konflikt zu gehen und neue Lösungen zu finden.

Wovon am Ende auch wieder beide profitieren, weil der erwerbstätige Vater, am Ende glücklich sein kann, dass er mehr Zeit mit seiner Familie oder den Kindern verbringen kann.

Wenn eine so lebensverändernde Situation auf eine Beziehung zukommt, macht es Sinn einen Lösungsvorschlag zu testen. Und direkt von Anfang an einen Termin festzulegen, an dem man überlegt, ob das Ganze funktioniert, wie man sich das vorgestellt hat.

Mike: Was wir häufiger erleben, ist, dass gerade beim Elternsein eine Entscheidung getroffen wird, ohne zu wissen was kommt auf mich zu. Diese Entscheidung wird dann für mindestens die nächsten 6 Jahre, wenn nicht sogar eher für die nächsten 30 Jahre getroffen und dann findet keine Evaluation mehr statt, passt das denn überhaupt noch für uns?

Wie häufig wir unser Konten- Modell geändert haben in unserer Beziehung, weil sich die Bedürfnisse und die Rahmenbedingungen geändert haben.

Christian: Ja, guter Punkt. Dass man sich das direkt in den Kalender einträgt. Hier untersuchen oder evaluieren wir, wie gut das für beide Seiten funktioniert. Da man es vorher nicht wissen kann.

Stefanie Stahl hat das innere Kind berühmt gemacht. Wir haben einen konditionierten Teil in uns, der glaubt, er hätte keine Wertschätzung verdient oder nicht das Recht das zu bekommen, was man will. In einer Partnerschaft mit Kindern wird das nochmal viel offensichtlicher, da man abhängiger voneinander ist.

Deshalb ist die Idee mit dem Termin super. Dann kann man sehen, ist das der Teil, der sich klein gemacht hat oder ist man wirklich gern mit den Kindern zu Hause.

Wir werden immer mal wieder kritisiert, dass wir das klassische Modell so stark angehen, aber das ist ja gar nicht der Fall. Wir gehen nicht das Modell an, sondern wir gehen den Entscheidungsprozess bis dahin an.

Mike: Wir sagen, es kann nicht sein, dass 90% der Familien in Deutschland in dieses Modell gehen. Das hat nichts mit einer freien Entscheidung zu tun, sondern hat etwas damit zu tun, dass ich als zweijähriges Kind bereits in Büchern sehe, wie diese Aufteilung ist. Es trägt sich dann in den Kindergarten weiter. Dann geht es über die Schule, da ist es in allen Lehrbüchern vertreten. Wahrscheinlich helfen die Lehrkräfte nach, vielleicht noch der Freundeskreis und die Familie. Es ist sehr stark vorgegeben.

Ich bezweifle, dass da eine freie Entscheidung dabei ist. Sonst wären wir diverser unterwegs, sonst hätten wir nicht ein so klar dominierendes Modell, das für die Mehrheit der Menschen offensichtlich nicht funktioniert.

Und das ist der Prozess, der kritisiert wird, sich die Zeit zu nehmen und zu überlegen was wollen wir machen und was sind wir dann da auch bereit für zu tun?

Christian: Genau, was sind wir bereit, dafür zu tun? Ich habe letztens in meiner Story gefragt, was ist für euch die größte Challenge zum Thema Gleichberechtigung? Und war baff, als die meisten gefragt haben, wie sie es sich leisten können sollen.

Wir leben in einem Land, indem es Elterngeld gibt. Und dennoch ist dieses System wahnsinnig teuer. Insofern ist zu sagen, wir wollen gleichberechtigt leben, eine gar nicht so leichte Entscheidung.

Auf der anderen Seite kann man es sich eigentlich nicht mehr leisten, nicht gleichberechtigt zu leben oder?

Mike: Im klassischen Modell ernährt ein Elternteil die Familie und der andere Elternteil kümmert sich um die Care Arbeit und arbeitet maximal 20 Stunden.

Geht man von einem Durchschnittseinkommen aus und von der Erstgeburt um den 30. Geburtstag. Dann bedeutet das für die Person, die zu Hause bleibt, ein Lebenseinkommen, dass 60% niedriger ist als die Vergleichsgruppe (in dem Fall Frauen, die nicht zu Müttern werden). Rechnet man das bei einem Durchschnittsgehalt hoch, dann bedeutet das 1.000.000€ weniger, die der Familie zur Verfügung stehen.

Wenn man das gleichberechtigt gestaltet, das heißt auch den Blick weg nimmt von nur einem Jahr hinzu 30 Jahren, dann sieht man, dass es für die Familie viel profitabler ist.

Christian: Gerade in den ersten Jahren, hast du noch nicht das hohe Gehalt, das du vielleicht 20 Jahre später in deinem Beruf hättest.

In dem Sinne, Hut ab für jeden, der sich der Frage widmet, was Gleichberechtigung für ihn oder sie persönlich bedeutet.

Also ich finde, es ist vielleicht einfacher sich in die Arbeit zu stürzen und maximalen Erfolg zu haben, als sich die Frage zu stellen wie will ich Beziehung leben? Denn, da muss man sich so sehr mit sich selbst und seinem Partner auseinandersetzen, da kann sich jeder auf die Schulter klopfen, der sich mit dem Thema in der Tiefe beschäftigt.

Ich habe auch noch eine Zahl für euch, nur 8% der Väter nehmen mehr als drei Monate Elternzeit. Und da ist nicht mit drin, wie viele von den Familien in den drei Monaten die Elternzeit zusammen haben. Das ist kein natürlicher Zustand, das ist ein systemischer Fehler.

Wenn du nochmal auf euren Weg der Vereinbarkeit zurückblickst, was hätte euch die Vereinbarkeit einfacher gemacht?

Christian: Ich hätte gerne einen Podcast gehabt, wie zum Beispiel euren. Das kannte ich damals nicht, gab es vielleicht auch noch nicht. Aber ich mag es, dass der Podcast Realität nahebringt. Dass man ungeschönt sagen kann, was auf einen zukommt.

Für uns war das Thema Coaching der Schlüssel. Hätten wir das nicht gehabt, hätten wir es auch nicht so großartig hinbekommen. Wie wir es gemacht haben, das war anstrengend. Doch ich denke, ohne Anstrengung kann man keine vier Kinder großziehen. Und ohne den Bereich des Coachings hätten wir beide nicht so schön leben können. So waren wir beide bereit nicht das zu machen, was komfortabel ist, sondern was für uns das größte Wachstum bedeutet.

Für mich war das beispielsweise aus der Karriere zurückzugehen, hauptverantwortlich Care Arbeit zu machen und somit Neues zu lernen, wie Demut. Ich denke, dass sich viele Männer über ihr Ego, ihren Erfolg und Materielles definieren. Durch unseren Weg konnte ich lernen, dass es bei der Arbeit um den Beitrag geht und nicht um Zahlen.  Insofern suchen Tanja und ich nach Lösungen, die für beide einen Gewinn darstellen und keinen Kompromiss.

Mike: Das waren drei wertvolle Tipps. Ich fasse sie nochmal kurz zusammen. Erstens: Ein Vorbild suchen, abschauen und davon lernen. Zweitens: Sich Unterstützung suchen. Und drittens: In der Beziehung keine Kompromisse suchen, sondern Gewinne. Denn der Kompromiss ist per Definition immer ein Teilverlust auf beiden Seiten.

Wo kann man euch finden und mehr über euer Modell erfahren? Wie kann man Kontakt zu euch aufnehmen?

Christian: Meine Frau findet ihr unter the.rooses auf Instagram. Und mich findet ihr unter dr.christianroos.

Unseren Podcast findet ihr unter das-neue-wir.com. Falls jemand externe Hilfe sucht, kann er oder sie sich gerne bei uns melden für Coachings.

Zum Abschluss möchte ich noch einen Punkt sagen. Das, was Frauen in dieser Welt tun, damit meine ich nicht nur schwanger sein, gebären und stillen. Sondern auch in einem globalen Sinne Bewusstsein schaffen und das größere Ganze zu sehen. Das ist für mich Zukunft und wenn man über Gleichberechtigung redet, finde ich es ganz wichtig, dass man das Frau sein, die Weiblichkeit auch als solche großartige Kraft feiert, einlädt und nach vorne holt.

Dass wir Männer keine Angst davor haben, dass zuzulassen und nicht als Bedrohung sehen, sondern als Bereicherung. Das ist mein Resümee.

Marielle: Vielen Dank für dieses schöne Schlusswort, dass wir unseren Söhnen mitgegeben werden und ihr bestimmt auch euren Söhnen.

Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast.

Christian: Es war ein großes Vergnügen mit euch.  Vielen Dank.

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