Buchrezesion – Die Frau auf der Treppe

Eine neue Kategorie von Beziehungs-Investoren für Beziehungs-Investoren: Wir beiden lesen viele Büchern zu Themen aus den Bereichen Investitionen, Beziehungen, Geld, Liebe, Unternehmertum und Familie. Einmal monatlich möchten wir Dir zukünftig eines davon vorstellen und folglich empfehlen.

Diese Buchrezession* hat Marielle für Dich verfasst.

 Worum geht’s?

Es geht um eine Frau und drei Männer. Um die Lebens- und Liebesgeschichte der Frau erzählt aus der Perspektive des unbeteiligsten der drei Männer. Alle drei Männer liebten diese Frau – doch sie hat alle drei in jungen Jahren sitzen gelassen. 40 Jahre später treffen alle vier in Australien wieder aufeinander und die drei Männer hadern mit ihrem Schicksal.

Wobei – eigentlich streiten sich zwei der drei vorrangig um das Bild der Frau auf der Treppe. Dieses hatte sie damals mit Hilfe des dritten (hoffnungslos in sie verliebten) Herrn, entwendet und mit sich selbst verschwinden und später nach Australien flüchten lassen. Der Dritte hatte sich damals in diese Frau verliebt und die Unterstützung der Frau bei ihrem Bild-Diebstahl war wahrscheinlich der einzige Ausrutscher in seinem Leben.

Davon abgesehen hat er als Anwalt Karriere in Frankfurt am Main gemacht, eine andere Frau geheiratet und zwei Kinder zum erfolgreichen und eigenständigen Leben erzogen. Sein ganzes Leben scheint er gehadert zu haben, was gewesen wäre, wenn die Frau von damals ihn nicht als Handlanger missbraucht, sondern tatsächlich ebenso geliebt hätte.

In Australien im Hier und Jetzt sind die beiden Ex-Männer der Frau nach einiger Zeit wieder auf der Heimreise – denn sie bekamen nicht das, was sie wollten. Unser Erzähler bleibt bei der Frau und die beiden verbringen eine besondere Zeit miteinander.

Mit neuen Gedanken kehrt der Mann nach Deutschland zurück. Raus aus dem Hamsterrad und etwas riskieren, das soll sein Leben von fortan beinhalten.

 

Die Frau auf der Treppe – das Lesegefühl

Im ersten Moment würde ich sagen, dass das Buch leichte Kost ist. Ich konnte es wahnsinnig schnell lesen und Bernhard Schlink bedient sich einer einfachen Sprache. Vielen ist das sicherlich schon bei seinem erfolgreichsten Buch „Dem Vorleser“ aufgefallen. Ich mag seinen Stil und habe beispielsweise sein Werk „Das Wochenende“ verschlungen.

Nach kurzem Nachdenken muss ich allerdings zugeben, dass „die Frau auf der Treppe“ deutlich mehr Tiefgang aufweist und eher zur schweren Kost zählen kann. Das Buch ist einfach geschrieben und schnell durchzulesen – erst im Nachhinein hat sich bei mir die Nachdenklichkeit eingestellt.

Der Inhalt bringt die volle Ladung Emotionen mit sich – verletzte Gefühle, verschenkte Lebenszeit und unerfüllte Liebe. Alles keine leichte Themen und gerade weil das Buch schnell zu lesen ist, habe ich mir beim Lesen über den Inhalt nicht viele Gedanken gemacht. Das Gefühl ernüchtert und etwas erschlagen zu sein kam erst im Nachgang auf.

 

Die Frau auf der Treppe – Key Learnings

Unterhaltungsliteratur auf den ersten Blick und tiefgehende Lebens- und Liebesgeschichte auf den zweiten Gedanken. Für mich war das Buch beides. Ich habe es schnell gelesen und erst später darüber nachgedacht und sogar einzelne Passagen erneut gelesen.

 

Erfülle nicht immer jede Erwartung von Außen, sondern nur Deine eigenen!

Ein vorbestimmter Lebensweg. Die berufliche Entwicklung in die (vom Elternhaus) vorgelebte Richtung. Mit Ende 20 wird es Zeit zu heiraten und das erste Kind kündigt sich an. Alles ganz normal! Blos nicht die Erwartungen, die die Liebsten oft unbewusst setzen enttäuschen. Vom Weg abweichen bedeutet Scheitern.

Unser Erzähler: Geradliniger Lebenslauf, über 40 Jahre (sehr erfolgreich) als Anwalt, tolles Haus, zwei Kinder. Alles hat geklappt – Erwartungen übererfüllt! Bis auf ein paar Schönheitsfehler und einen Schicksalsschlag.

Alles ist super gelaufen im Leben unseres Erzählers. Ist er glücklich?

Gute Frage. Wirklich unzufrieden scheint er nicht. Im Nachhinein habe ich das Gefühl, dass er einfach gar kein Gefühl mehr hat. Alles erreicht und dennoch Leere. Mit über 60 Jahren hat er noch eine ganze Ecke seines Lebens vor sich. Wie soll er die verbleibenden Jahre nutzen?

Er ist in Australien. Er sieht das Bild der Frau auf der Treppe wieder. Die Frau, seine erste große Liebe. Das erste Mal in seinem Leben bricht er aus! Er verschiebt seinen Rückflug. Er sucht die Frau von damals. Geld spielt keine Rolle. Keiner weiß Bescheid. Er folgt seinem Bauchgefühl. Lebensgeister!

Erwartungen von anderen und durch Dich selbst können lähmen. Sie können aber auch motivierende Zielsetzung sein. Wichtig ist, dass Du Dir Gedanken machst, ob die Erwartungen anderer mit Deinen eigenen Zielen und Wünschen übereinstimmen. Tun sie das nicht, ist ein Ausbrechen empfehlenswert. Die beschriebene Leere ist sonst unausweichlich, Motivationslosigkeit nimmt überhand und Frustration steigt auf. Was anstellen mit dem eigenen Leben, wenn alle Erwartungen erfüllt, aber noch viele Jahre übrig sind?

 

Folge Deinem Bauchgefühl zum Glück

Unsere Hauptperson folgt seinem Bauchgefühl und erlebt eine der glücklichsten Zeiten seines Lebens.

Rationales Handeln ist wichtig – in Geld, Liebes- aber auch allen anderen Dingen. Dennoch gibt es fast täglich Entscheidungen zu treffen, bei denen rationales Handeln nicht immer der richtige Weg ist.

In Australien bleiben oder den geplanten Rückflug antreten? Viel Geld ausgeben, um die Jugendliebe wiederzufinden? Trotz der großen Verletzung damals, der Frau heute helfen?

Den Job annehmen oder doch einen anderen suchen? Viel Geld in die Feier der Hochzeit investieren? Trotz der unsicheren Zukunft in eine Immobilie investieren?

Ich habe mich für den Job entschieden – denn mein Bauchgefühl war, trotz des nicht ganz optimalen Zeitpunktes und der Unkenntnis über Branche und den Jobinhalt, einfach gut!

Wir haben uns für einen Mittelweg entschieden mit höheren Kosten als im ersten Moment gedacht, aber geringeren Kosten als der Durchschnitt. Das Bauchgefühl wird so befriedigt. Wir feiern unsere Hochzeit nur einmal und möchten an diesem Tag unsere Beziehung feiern ohne auf jeden Euro zu schauen. Mit einem guten Bauchgefühl stehen wir 3 Wochen vor der Hochzeit vor unserer Kalkulation.

Unser Bauchgefühl sagt ja – klar stehen in diesem Jahr viele Sonderausgaben für die Hochzeit und Flitterwochen auf dem Plan, dennoch wollen wir die Zeit nutzen und unsere erste Immobilie in diesem Jahr erwerben. Auch wenn wir nicht wissen was die Zukunft bring – noch niedrigere Zinsen, eine besser passende Immobilie, ungeplante Zusatzkosten, teureren Lebensstandard – gibt unser Bauchgefühl ganz klar die Richtung vor.

Das Bauchgefühl am Ende seiner Reise scheint ein deutlich wohligeres zu sein als zu Beginn der Erzählung. Und dies trotz der plötzlich unsicheren Zukunft zurück in der Heimat. Das Folgen des Bauchgefühls hat sich gelohnt – mit über 60 Jahren schätzt er endlich was er erreicht hat und hat wieder Ziele für die noch verbleibenden Lebensjahre.

 

Schätze, was Du erreicht hast

Viel erreicht im Leben und dennoch die oben beschriebene Leere. Wie kann das sein?

Stolz auf sich selbst sein. Selbstbewusst mit dem Erreichten umgehen. Sich nicht klein machen. Alles Dinge, die für mich nie selbstverständlich waren. Denn klar – ist doch logisch was ich mache. Ich verfolge einen Step nach dem anderen, wie er eben Sinn macht. Schule, Auslandsschuljahr, Abitur, duales Studium, eigener Haushalt, Verantwortungsübernahme für meine Finanzen, Masterstudium, Beförderung nach nur einem Jahr im ersten Job, Eigentümerversammlungen, 7 Jahre Beziehung – ich bin erst 25 Jahre alt und habe wahnsinnig viel erreicht.

Das alles war für mich immer selbstverständlich. Denn das macht „man“ halt so.

Inzwischen habe ich gelernt, dass das nicht der Fall ist. Immer mehr merke ich, dass andere es anders machen. Dass dies aber der Weg ist, den ich gehen will. Geradliniger Lebenslauf ist mein Ding. Ich fühle mich nicht leer – ich bin stolz, auf das Erreichte. Immer besser kann ich nach Außen diesen Stolz auch zeigen. Ich mache mich nicht mehr klein, sondern präsentiere mich zunehmend größer.

Am Ende der Australienreise hat der alte Mann endlich verwunden, die Frau damals nicht bekommen zu haben. Was wäre gewesen, wenn er damals mit ihr durchgebrannt wäre? Seine beiden Kinder hätte er heute nicht. Die Anwaltskarriere wäre völlig anders und weniger erfolgreich verlaufen. Sicher hätten sich andere tolle Dinge ergeben – endlich kehrt Ruhe und Zufriedenheit ein. Zufriedenheit mit dem Erreichten, mit dem sonst negativ beschrieenen Hamsterrad.

Glücklicherweise muss ich nicht erst 60 Jahre alt werden, um diesen Stolz zu empfinden. Zufriedenheit mit dem eigenen Leben, verpassten Chancen oder Lieben nachzuweinen ist nicht mein Ding. Denn durch meine Entscheidungen haben sich die Dinge ergeben, wie sie heute sind.

Fazit

Die Frau auf der Treppe* ist keine leichte Kost trotz einfacher Schreibweise. Die Gedanken über Leben und Tod, verpasste Chancen und Erreichtes, aber auch über eine große Liebe sind faszinierend und regen zum Nachdenken über das eigene Leben an.

Sind meine Beziehungen so wie ich sie mir wünsche?

Fühle ich mich wohl im Hamsterrad oder brauche ich ein anderes Lebensmodell?

Wie kann ich mit 60 zufrieden auf die ersten 2/3 meines Lebens zurückblicken?

Ich bin gespannt, wie Du diese Fragen beantwortest. Meine Antworten habe ich erst nach dem Lesen gefunden – vielleicht kennst Du sie schon vorher, veränderst Sie währenddessen und findest am Ende Dein persönliches Wohlfühlergebnis.

Vielleicht liest Du das Buch aber auch als Unterhaltungsliteratur und kommst – wie ich – erst im Nachhinein ins Denken rein oder genießt die Bilder im Kopf.

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